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Foto: BraunS / iStock

ZUM THEMA: KINDER

BESSERWISSER

ARCHITEKTUR ZWISCHEN PARTIZIPATION UND HELIKOPTERELTERN

von Päivi Kataikko-Grigoleit und Dirk E. Haas

Erwachsene wissen, wie Kinder Architektur

und Raum wahrnehmen. Meinen sie. Aber

seien wir ehrlich: Viele haben doch ver-

lernt, wie Kinder zu denken. Stattdessen

machen sich Helikoptereltern Sorgen

um das Wohl der Kleinen, lassen sie

kaum aus den Augen und fordern erhöhte

Sicherheitsvorschriften. Ist das Resultat

noch Architektur für Kinder? Päivi Kataikko,

Gründerin des Vereins „JAS – Jugend

Architektur Stadt“, und Dirk E. Haas meinen,

dass für Kinder, nicht für Eltern gebaut

werden sollte.

Für viele Architekten zählt das „Bauen für Kinder“ zu jenen

Aufgaben, die sie mit hoher Motivation angehen: Die sozialen

Aspekte der Architektur sind dort besonders offenkundig.

Hinzu kommt häufig die persönliche Motivation – etwa als

Eltern, die Kindertagesstätten und Schulen als wichtige und

prägende Lebensumgebungen für ihre Kinder erkennen.

Investitionsoffensive

Architekten haben derzeit viele Gelegenheiten, „für Kinder“ zu

bauen. Gegenwärtig ist der Bedarf an Kindertagesstätten und

Schulen enorm hoch. Entsprechend viele Gebäude werden

gebaut, saniert oder erweitert. Das hat mehrere Gründe: Sie

reichen vom beträchtlichen Investitionsstau im Schulbau über

die generell wachsende gesellschaftliche Wertschätzung von

Bildung sowie neuen Anforderungen wie Ganztagsbetreuung

und Inklusion bis hin zum seit 2013 gültigen Rechtsanspruch

auf einen Platz in einer Kindertagesstätte. All das geht ein-

her mit staatlich geförderten Investitionsoffensiven in den

Bereichen Bildung und Betreuung. „Bauen für Kinder“ ist

derzeit also auch ein ökonomisch wichtiges Handlungsfeld, in

dem allerdings sehr viel unter hohem Zeitdruck gebaut wird

– schließlich muss der Bedarf jetzt gedeckt werden und nicht

erst in zehn Jahren. Dieser Zeitdruck kann jedoch schnell

zulasten sorgfältiger Planungs- und Bauprozesse gehen.

Bei zeitlich befristeten Förderprogrammen sind Kommunen

praktisch dazu gezwungen, möglichst viele Projekte innerhalb

kürzester Zeit zu realisieren.

Phase 0

Wichtiger Bestandteil guter Planungsprozesse ist die

Einbeziehung der Nutzer – und zwar möglichst frühzeitig.

Das heißt: bereits bei der Formulierung der Planungsaufgaben,

aber auch in den späteren Planungsphasen, wenn es um die

konkreten Entwurfslösungen geht. Oft fehlen nicht nur die

Zeit, sondern auch die finanziellen Mittel, um solche vorge-

schalteten Planungsprozesse mit den Nutzern durchzuführen.

Die HOAI kennt keine „Phase 0“; vielen Architekten fehlt auch

die Erfahrung, um zum Beispiel intensive Planungsprozesse

mit Kindern und Jugendlichen durchzuführen beziehungswei-

se deren Ergebnisse in die eigene Entwurfsarbeit zu integrie-

ren. Die Befürchtung, Kinder und Jugendliche würden in sol-

chen Planungsprozessen utopische und letztlich unrealisier-

bare Ideen einbringen, ist nach wie vor verbreitet. Genauso

wie die paternalistische Haltung, aus der heraus eher für als

mit Kindern und Jugendlichen geplant wird, denn „wir wissen

bereits, wie man für Kinder baut und was gut für sie ist“.

Differenzierte Typologie

Betrachtet man jedoch, wie ausdifferenziert die Bauten

für Kinder und Jugendliche mittlerweile sind – von den

Kindertagesstätten bis hin zu Schulen und jugendkulturellen

Zentren –, dann zeigt dies eindrücklich, dass es durchaus

sehr große Unterschiede gibt, wie man mit und für Kinder

bauen kann. Es hat unter anderem viel damit zu tun, dass die

pädagogischen Konzepte vielfältiger, um nicht zu sagen indivi-

dueller, werden und damit letztlich auch die entsprechenden

Gebäude. Die normierten Standardtypologien, die es in der

Geschichte des Schulbaus immer wieder gegeben hat, wei-

chen zunehmend individuelleren Lösungen, die sich aus den

spezifischen Anforderungen an eine Schule ergeben. Solche

individuellen Lösungen entstehen jedoch nur, wenn auch die

Nutzer ihr praktisches Wissen um die konkreten Bedürfnisse